»Keine andere Technik der Lebensführung bindet den Einzelnen so fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt. Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponenten, narzißtische, aggressive und selbst erotische, auf die Berufsarbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen Beziehungen zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter einer Unerläßlichkeit zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht zurücksteht.Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet.«
Sigmund Freud (1929): Das Unbehagen in der Kultur
Arbeit – ob zugewiesen oder frei gewählt – setzt eine Beschränkung der Triebe voraus. Das gilt auch für die Berufe, die Freud die »unmöglichen« nennt: das Erziehen, das Kurieren und das Regieren.
»Arbeit« sind für Freud aber auch spezifische psychische Vorgänge wie Traumarbeit, Trauerarbeit und Verdrängungsarbeit. Die Triebkraft des Traumes rühre nicht allein von der »Tagesarbeit«, sondern wesentlich von einem Wunsch. Die verschiedenen Triebe mit ihren Kräften sind die »Maße von Arbeitsanforderung für das Seelenleben«.
Ob als gesellschaftlich regulierte Tätigkeit oder als Aktivität des Unbewussten und anderer Instanzen des psychischen Apparats (die nicht ohne Bezug auf etwas Gesellschaftliches, die Sprache, funktionieren) – Arbeiten ist das Aufbringen von Kraft zum Zwecke einer Veränderung: Bildung oder Auflösung eines Symptoms, Verringerung der Not des Lebens, … Und es ist jedesmal eine Überwindung der Arbeitsscheu und der so häufig beklagten Arbeitsunfähigkeit (»Ich bekomme nichts zustande. Ich schaff‘s einfach nicht.«).
Bedeutung, symbolische Plätze, räumliche und zeitliche Verhältnisse des Arbeitens haben in jüngerer Zeit eine Entgrenzung erfahren. Das Wort »Arbeit« ersetzt heute oft eine Berufsbezeichnung, die Arbeitswelt verschmilzt mit anderen Lebensbereichen. Man hat Arbeit, aber nicht unbedingt einen Beruf. Neue Kommunikationstechniken lösen die Arbeitsverhältnisse aus den uns gewohnten Rahmen (Tele-Arbeit) und zunehmend wird in der Form einer (Schein-)Selbständigkeit und in Projektzusammenhängen gearbeitet. Sektoren der Mehrwert-Produktion schrumpfen und das Dienstleistungsgewerbe wächst.
Das Ideal einer lebenslänglichen oder zumindest jahrzehntelangen Ausübung eines Berufs und damit der Zugehörigkeit zu einer Arbeitsgemeinschaft ist für viele kein entscheidendes Moment der Lebensführung mehr – für andere ist es nur noch eine Illusion. Und während die einen lautstark verkünden, ständig überarbeitet und gestresst zu sein, begeistert andere »Die Entdeckung der Faulheit«. Wie der allgegenwärtig und nun schwerer fassbar gewordene Begriff der Arbeit mit den sozialen Bindungen des Subjekts verwoben ist, ist noch ziemlich unklar.
Der Titel des Kongresses Arbeit in der Psychoanalyse ist in mehrfacher Hinsicht zu lesen: hinsichtlich des Arbeitsbegriffs in den Texten Sigmund Freuds, Jacques Lacans und anderer, hinsichtlich der theoretischen und praktischen Arbeit des Analytikers und der Arbeit des Analysanten. Aber auch als: Die Arbeit, das Arbeiten, geht in Analyse.
Ergibt sich aus dem, was die Psychoanalyse uns lehrt – Thema des vorigen AFP-Kongresses (2005) –, etwas Erhellendes für die gesellschaftlichen Arbeitszusammenhänge, in denen Industriearbeiter, Angestellte, Handwerker, Händler, Freiberufler, Arbeitslose, und somit auch Analysanten und Analytiker stecken?
Sollte die Psychoanalyse Potentiale eines kritischen Umgangs mit den hier skizzierten Veränderungen haben?
Seit dem letzten Kongress haben sich im Austausch innerhalb der AFP zum Thema folgende Fragen herauskristallisiert, denen 2007 nachgegangen werden soll:
Acht Fragen zum Thema »Arbeit in der Psychoanalyse«
Was arbeitet in Freuds Traumarbeit, Trauerarbeit, Kulturarbeit, Verdrängungsarbeit, Erinnerungsarbeit ... ?
Was ist eigentlich Objekt der psychoanalytischen Arbeit und was sind ihre Werkzeuge oder Instrumente? Welche Beziehung unterhält der Psychoanalytiker zu ihnen?
Wie unterscheidet sich die Arbeit, die ein Analytiker, von der, die ein Analysant leistet?
Was ist die Arbeit, die in einer Psychoanalyse stattfindet, im Unterschied zu einer psychotherapeutischen Arbeit?
Läßt sich feststellen, dass in der Psychoanalyse etwas arbeitet, und zwar
unabhängig von heroischen Taten des Analytikers (›acte psychanalytique‹ und ›acte du psychanalyste‹)?
Wie hängen Arbeit und Bezahlung in der psychoanalytischen Kur zusammen? Im Hinblick auf die Arbeit des Analytikers und – bei einer kassenfinanzierten Psychotherapie – im Hinblick auf die Arbeitstätigkeiten oder auch die Arbeitsunfähigkeit des Analysanten?
In welchen Zusammenhängen und Funktionen erscheinen Erwerbsarbeit, Hausarbeit, künstlerische Arbeit, ... in einer psychoanalytischen Kur? Und welche Bedeutungen haben dabei Arbeitsstörungen, Arbeitssucht, Arbeitsversagen?
Welche Problematiken bringt der Bezug jeder Arbeitstätigkeit auf den Mitmenschen und auf den großen Anderen mit sich? Bspw. den Gegensatz zwischen den Aggressionsneigungen des Einzelnen und seinem »Interesse an der Arbeitsgemeinschaft« (Freud).
Diese Punkte erfordern Differenzierungen im Begriff der Arbeit und im Begriff des Psychoanalysierens.
Freitagabend, 16. November 2007
ab 18.30 Einschreibung der Teilnehmer
Nach jedem Beitrag ist eine anschließende Diskussion
von ca. 10 Minuten vorgesehen.
19.00 Peter Müller (Karlsruhe): Begrüßung und Einleitung
19.30 Claus-Dieter Rath (Berlin): Arbeit des Unbewussten
und Arbeit der Psychoanalyse
20.20 Françoise Samson (Paris):
Arbeit in der psychoanalytischen Kur
21.00 Kleiner Empfang
Samstag, 17. November, 9.00 bis 18.30
ab 9.00 Einschreibung der Teilnehmer
9.30 Johanna Cadiot (Paris):
Kulturarbeit und Geschlechtsunterschied
10.00 André Michels (Luxemburg):
»Triebschicksal« und »Arbeitsanforderung«
10.55 Kaffeepause
11.15 Regula Schindler (Zürich): »Sublimieren«
12.10 Annemarie Hamad (Paris): Arbeit oder Krieg?
Trauerarbeit
13.30 Mittagspause
15.00 Erik Porath (Berlin): Periodizität und Zeitlichkeit:
Von der Physik des psychischen Apparates
zur Arbeit des Unbewussten
15.40 Michael Meyer zum Wischen (Köln): Travail de mutation:
Ein Begriff bei Serge Leclaire. Gedanken zu einer Arbeit
des Wandels und der Veränderung in der Kur.
16.15 Kaffeepause
16.45 Anna Tuschling (Basel): Die Witzarbeit
17.20 Peter Müller (Karlsruhe): »Das Schwerste, was wir zu
tragen haben, ist, dass wir nichts zu tragen haben.«
17.45 Karin Adler (Paris), Gabrielle Devallet-Gimpel (Toulouse):
Arbeit in Lacans Proposition d‘octobre 1967
20.00 Möglichkeit eines gemeinsamen Arbendessens
in einem Restaurant
Sonntagvormittag, 18. November, 9.30 bis 13.30
9.30 Karl-Josef Pazzini (Hamburg):
Psychoanalysieren als Arbeitsstörung
10.15 Peter Widmer (Zürich):
Psychoanalytische Arbeit als Herstellung des Verlusts
11.10 Kaffeepause
11.30 Gerd Spittler (Bayreuth): Arbeiten – was ist das?
Versuch einer vergleichenden Anthropologie der Arbeit
12.25 Gesprächsrunde: »Arbeit in der Psychoanalyse«
Ende
Ort
Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG)
im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM)
Lorenzstraße 15, Lichthof 2
Anreise mit dem Auto
Von der Autobahn (A5), Ausfahrt
Karlsruhe Mitte, über die Südtangente,
Ausfahrt 4 ZKM, auf der Brauerstraße
an der Europaallee vorbei (Richtung Innenstadt) dann die nächste Möglichkeit links in die Südendstraße, dar-
aufhin die erste Abzweigung rechts in die Lorenzstraße zum großen Hallenbau. Eingang über die Lorenzstraße an
der Ostseite des Hallenbaus.
Kostenpflichtiges Parkhaus mit 700 Plätzen unter dem ZKM, Einfahrt Südendstraße
Anreise mit der Straßenbahn
Vom Hauptbahnhof mit der Linie 2 (Richtung Siemensallee) bis zur Haltestelle ZKM (ca. 6 min). Die HfG liegt in Fahrt-richtung links.
Siehe auch http://www.zkm.de
Eintrittspreise
Bei Bezahlung bis 1. November 2007 sind es 80 Euro,
danach 100 Euro.
In diesem Preis ist der Empfang am Freitagabend enthalten.
Zahlbar per Überweisung mit dem Verwendungszweck
»Kongress Karlsruhe«
Bankverbindung
Kto-Nr. 2322676, BLZ 660 202 86
HypoVereinsbank Karlsruhe
IBAN 96660202860002322676, swift-code: HYVEDEMM475
Anmeldung, Koordination, Information
Dr. Peter Müller, Moltkestr. 29 a, 76133 Karlsruhe
Tel.: +49 721 20 735, Fax: +49 721 23 800, petjanik@t-online.de
Entsprechende Fortbildungspunkte sind beantragt.